Belichtung schätzen

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    • Belichtung schätzen

      wie geht das?

      Naja - machen ist einfach, erklären schon schwieriger ;)

      Drei Zeiten, drei Blenden

      Die Anzeigen moderner Kameras rattern Zeiten- und Blendenwerte in unübersichtlicher
      Art und Weise herauf oder herunter. Kein Mensch merkt sich da irgendwas (ich bin froh
      wenn ich es gar nicht sehe ;) ).
      Alte Kameras dagegen besitzen häufig gar keinen Belichtungsmesser und verfügen
      manchmal auch nur über wenig Auswahl bei den Belichtungszeiten.
      Trotzdem haben Menschen schon vor achtzig Jahren Bilder gemacht die, wenn alles
      stimmt (das ist heute auch noch so :) ), nicht schlechter waren.
      Mit drei Zeiten- und drei Blendenwerten kommt man also schon sehr weit.

      "sunny 16"

      So heisst eine häufig zitierte Belichtungsmethode. Wo das genau herkommt kann man
      sicher irgendwo nachlesen. Fakt ist, dass ich persönlich Blende 16 fast nie benutze.
      Man braucht aber einen Bezugspunkt um die drei Werte (Filmempfindlichkeit, Belichtungszeit,
      Blendenwert), die dafür verantwortlich sind welche Menge Licht auf den Film trifft
      an die Aufnahmesituation anzupassen.
      Um nicht zu weit auszuholen (eine gute Alternative wäre das Arbeiten mit dem Lichtwert)
      sagen wir mal dass die Filmempfindlichkeit durch den eingelegten Film vorgegeben und
      die Belichtungszeit nach unten dadurch begrenzt ist, dass jeder Mensch eine Kamera nur
      kurze Zeit stillhalten kann.

      Erfahrungswerte

      Ohne die geht es nicht!
      Und in wie weit sich Erfahrungswerte theoretisch weitergeben lassen hängt sehr vom
      Erfahrungsstand des Weitergebenden und des Fragenden ab.
      Es gibt (gab) so einfache Knipskameras an denen man nichts einstellen konnte, die keine
      Elektronik besassen und mit denen man dennoch einfach fotografieren konnte.
      Genauer betrachtet handelt es sich dabei um Optiken, die mit einem festen Blendenwert
      (z.B. f8) und Verschlüsse, die mit einer festen Zeit (z.B. 1/125s) rigoros jedes Bild
      auf den Film bringen.
      Da haben wir doch schonmal was :)
      So - und nun kann ja mal jeder mit dem Aufnahmegerät seiner Wahl (oder einem Belichtungsmesser)
      rausgehen, diese Werte einstellen und dann sehen wieviel das Tageslicht draussen
      tatsächlich von diesen Einstellungen abweicht. Zum Anfang nehmen wir ISO100 als Film-
      empfindlichkeit an.

      Einfach machen!

      Und ganz bald stellt sich schon ein gewisses Gefühl von Freiheit ein. Und es gesellen sich
      jede Menge Erkenntnisse über Lichtverhältnisse hinzu, die super interessant sind und
      Lust auf mehr auslösen.

      Legenden

      Sollte man dabei so weit wie möglich ignorieren.
      Eine davon ist zum Beispiel die, dass das Schätzen der Belichtung nur mit gutmütigen Negativ-
      filmen funktioniert :roll:

      Zur Nagelprobe mit aktuellem Filmmaterial habe ich in den letzten zwei Wochen mal einen Diafilm
      "frei Schnauze" belichtet. Trotz totaler Abwesenheit jedweder Belichtungsmesseinrichtung habe
      ich 36 ordentlich belichtete Bilder erhalten.
      Und zwar drinnen und draussen, mit Sonne oder wolkenverhangenem Himmel, in abendlichen
      Lichtstimmungen und sogar bei kniffeligen (Gegen-) Lichtsituationen.

      Hier ein Beispiel aus der Filmmitte:
      FED2, J8, Kodak Elitechrome100, f2,8, 1/60s


      Nur Mut! :D

      Gruss, Axel
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      • btest1kl.jpg

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      In Wirklichkeit passiert die ganze Zeit gar nichts - Jim Rakete 2007

      Bilder
    • Re: Belichtung schätzen

      Naja das mit Blende 8 kommt aus ner Zeit, wo die Filme mit 80asa schnell waren. :mrgreen:

      Im Prinzip kann man mit der 16er Regel für Dias einen Anfang machen, für Negativfilme gilt dann entsprechend die 11er Regel, da eine Unterbelichtung mehr schadet als ne Überbelichtung. Ich fotografiere sehr oft "frei Schnauze". Habe sogar die 11er Regel benutzt um Nachtaufnahmen zu machen (ohne einen Beli mitzuschleppen), hat prima funktioniert.

      Wichtig zu wissen ist, das sowohl 11er und auch 16er Regel eng mit Lichtwerten zusammenhängen, wobei man aufpassen muß, das im Netz viele Personen LV und EV durcheinanderschmeißen.

      Der Zusammenhang ist folgender:

      LV= 0 bei 100asa und 1sec bei Blende 1.0 und nur DANN, wenn 100asa Filmepfindlichkeit im Spiel ist, ist EV=LV! Lichtwerte verändern sich nicht! Hartes Sonnenlicht um 12:00 Uhr mittags hat in unseren Breiten einen durchschnittlichen LV von 15. EV ist immer abhängig von der Filmempfindlichkeit. Bsp. LV=15 bedeutet EV=14 bei einem Film mit 50asa. Die 16er Regel ergibt bei 100asa: LV=EV=15-> Blende 16 und 125sec.

      Der Vorteil mit Lichtwerten ist, daß man sehr schnell Licht einschätzen lernen kann. Ich habe mir eine kleine Tabelle gemacht, die diese Beziehungen aufzeigt. Es gibt auch welche im Netz, aber da muß man vorsichtig sein, weil speziell im anglikanischen Raum viel durcheinandergeschmissen wird.

      Den einzigen Beli, den ich kenne, der LV mißt und anzeigt ist das Pentax Spotmeter, sowohl die analoge, wie auch die digitale Variante. Meine Rolleiflex 3.5E wandelt intern EV in LV um und zeigt LV an, was auch in der Bedienungsanleitung steht, aber nicht erklärt wird (also aufpassen wie die Kamera funktioniert)! Die Hasselblad hat beispielsweise eine EV-Anzeige, die wie sollte es auch anders sein auf 100asa geeicht ist und die ich zu schätzen gelernt habe.

      Ein weiterer Vorteil mit dem LV/EV System ergibt sich bei der Filterung. Auch wenn es nicht wissenschaftlich fundiert ist, funktioniert es tadellos. Ich habe im Außenlicht jeweils eine Graukarte angemessen und dann dieselbe Messung mit einem Filter wiederholt. Die Differenz ergibt die lichtschluckenden Eigenschaften des Filters in EV. Selbst wenn der Beli bei bestimmten Farben Meßungenauigkeiten hat, sind diese vernachlässigbar. Ich schätze/messe mein Licht in LV , ermittle die EV für den jeweiligen Film und subtrahiere die für den Filter ermittelte EV-Korrektur. Anschließend stelle ich auf meiner Hasselblad das Ergebnis auf der EV-Skala ein und rotiere beide Ringe bis ich die gewünschte Blendenzeitenkombi habe. Falls ich keine Hassi mithabe, nehme ich den ermittelten EV-Wert, setze ihn LV gleich (ich normiere also auf 100asa!) und schaue in meiner Liste auf die entsprechenden Kombis.
      Beispiel: 25asa SW-Negativfilm mit Rotfilter, Gemessener LV =15, -1EV da Negativfilm, -2EV da 25asa, -3EV da Rotfilter -> 9EV diese setze ich LV gleich und lese 1/30 sec bei f=4.0 ab. Sieht alles kompliziert aus ist aber toteinfach wenn man die Zusammenhänge kapiert hat. Mit dieser Methode ist es mir möglich gewesen einen 200asa Film auf 6400asa zu pushen und dementsprechend mit 800asa Infrarotaufnahmen mit einem RG715 Filter zu machen. Funktioniert prima!

      Für die Profies und alten Hasen mag das alles ein alter Hut sein, für die Neuen ist es vielleicht ein guter Tip.

      Gruß,
      Stephan.
    • Re: Belichtung schätzen

      Wenn keinen Beli dabei hat und nicht schätzen möchte, bietet sich eine handliche Agfa-Belichtungstabelle an, wie sie in den 50er/60er Jahren verbreitet war. Ich habe mir neulich eine für 1 € an Land gezogen. Man braucht nur nacheinander Filmempfindlichkeit, Tageszeit, Aufnahmegegenstand und Wetterbedingungen zu bestimmen und erhält dann die passenden Zeit-Blenden-Kombinationen. Ich wollte es nicht glauben, habe es aber in verschiedenen Beleuchtungssituationen ausprobiert: Dieser "Rechenschieber" lieferte die gleichen Werte wie der jeweils herangezogene Hand- bzw. TTL-Beli!
      Dateien
      • beltab.jpg

        (117,69 kB, 9.464 mal heruntergeladen, zuletzt: )
      Beste Grüße
      Jan
    • Re: Belichtung schätzen

      Was beim Schätzen der Belichtung natürlich unheimlich hilft ist,
      wenn man die (ganzen) Werte für die wichtigsten Blenden, Zeiten
      und Empfindlichkeiten auswendig kennt. Also z.B.:

      f 2,8 4 5,6 8 11 16

      1/30 1/60 1/125 1/250 1/500s

      ISO400 ISO200 ISO100

      <- heisst stärkere Belichtung

      1 ISO- oder Zeitverdoppelung entspricht einer Blende weniger (Blende weiter auf, kleinerer Zahlenwert)

      Klar, Eselsbrücken, aber für manch einen einfach zu merken.


      Gruss, Axel
      In Wirklichkeit passiert die ganze Zeit gar nichts - Jim Rakete 2007

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    • Re: Belichtung schätzen

      Sehr interessant finde ich auch Belichtungstafeln. Man muss manchmal ein bisschen rechnen, aber es ist doch ganz amüsant, sich durch die ganzen Fragen durchzuwühlen. Benutzt habe ich bisher eine Zeiss Belichtungstafel nach Dr. Max Leo oder so ähnlich. :D
      corff.de/Klappkameras/Belichtungstafel/Belichtungstafel.html

      Spaßig finde ich die Reklame auf der letzten Seite, "Dieser Allwetterfilm ermöglich sogar noch bei trübem Wetter Momentaufnahmen!", ja, sowas. Wir sind heute viel zu anspruchsvoll, von wegen bei Nacht photographieren. :lol:

      Außerdem habe ich mir auf dem Flohmarkt für 3€ einen kleinen Selen-Belichtungsmesser gekauft, der zwar zwei nadelähnliche Überreste eine Schutzklappe hat und mir deswegen schon ziemliche Schmerzen im Oberschenkel bereitet hat (habe ich jetzt mit Tesa-Film abgeklebt), aber scheinbar noch voll funktioniert. Mal sehen, wie lange noch.
      Er zeigt mir mit einer Nadel einen Wert zwischen 1 und 9 an, mit dem ich mir dann auf einer Scheibe Belichtungszeit und Blende erdrehe. Zwar einfach, gibt aber auch ein Gefühl für Licht und ist trotz allem wesentlich komfortabler als Belichtungstafeln, die zugegebenermaßen schon ein bisschen nerven können.

      EDIT: Etwas einfacher: corff.de/Klappkameras/Anleitun…aIsola/AgfaIsola_0011.jpg :D

      Grüße, Kay
    • Re: Belichtung schätzen

      "Jan Seifert" schrieb:

      Wenn keinen Beli dabei hat und nicht schätzen möchte, bietet sich eine handliche Agfa-Belichtungstabelle an, wie sie in den 50er/60er Jahren verbreitet war.


      Diese Belichtungstabelle habe ich auch. Sehr schönes Teil. Es macht schon Spaß damit zu arbeiten.

      Eine sehr gute Seite, um Mut zu bekommen, ohne Belichtungsmesser findet sich hier:

      fredparker.com/ultexp1.htm#usethrow

      Hier geht es um den "Ultimate Exposure Computer" :lol:

      Wirklich empfehlenswert!

      Grüsse

      Matthias
      "Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen." Teresa von Avila
    • Re: Belichtung schätzen

      "Matthias Offermanns" schrieb:

      Eine sehr gute Seite, um Mut zu bekommen, ohne Belichtungsmesser findet sich hier:
      fredparker.com/ultexp1.htm#usethrow
      Hier geht es um den "Ultimate Exposure Computer" :lol:


      Und genau Fred Parker schmeißt in seiner Abhandlung EV und LV durcheinander. Seine Tabelle zeigt Lichtwerte und nicht EV, was ziemlich umständlich wird, weil die meisten Objektive EV anzeigen und es mit seinem Kalkulator durchaus zu Fehlbelichtungen kann, wenn man nicht aufpaßt, da er EV an seiner Tabellenlegende schreibt.

      Gruß,
      Stephan.
    • Re: Belichtung schätzen

      E(xposure)V(alue) => Lichtwert (gebräuchliche Abkürzung normalerweise LW)
      Definition siehe: Wikipedia

      Was der Kollege Stephan allerdings mit dem Kürzel »LV« meinen könnte erschließt sich meiner über 40 Jahre währenden, aktiven Erfahrung mit der Photographie bisher nicht.........
      Gruss
      Jürgen W. Nickel

      „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann“ – Antoine de Saint-Exupéry
    • Re: Belichtung schätzen

      Hallo,

      LV = Light value = Lichtwert ist definiert als eine Belichtung von 1 Sekunde mit Blende 1.0 bei 100asa. EV= Exposure value = Belichtungswerte sind abhängig von der jeweiligen Filmempfindlichkeit und leiten sich daher von den an sich, bezogen auf die Lichtsituation, konstanten Lichtwerten ab.

      Bei den meisten Beli's gibt man die Empfindlichkeit vor und bekommt bei einer Messung einen EV-Wert, während das Spotmeter von Pentax von Haus aus Lichtwerte = EV bei 100 asa angibt. Man muss dann hinterher an eines der zwei Rädchen drehen um die die Empfindlichkeit einzustellen und kann dann man die Belichtungskombis ablesen. Das mag für die meisten trivial sein, für Leute die eine Hasselblad, oder Werra V oder andere Kameras benutzen, deren Objektive EV-Anzeigen haben und ein Pentax Spotmeter im Einsatz haben, ist das aber wichtig zu wissen, denn man kann nicht einfach die angezeigten Werte auf die Objektive übertragen. Im Umkehrschluss, zeigt meine Rolleiflex 'Lichtwerte' an, was man auch in der Bedienungsanleitung nachlesen kann. Das bedeutet, man stellt die ASA ein und bekommt einen Lichtwert, nur wenn der beispielsweise 15 bei 100 asa ist, dann ist der Anzeigewert immer noch 15 wenn man zuvor 1600 asa eingestellt hat.

      Im Netz gibt es auf verschiedenen Foren viele Diskussionen über den Exposure Calculator von Fred Parker, dieser verfolgt einen Weg, der zwar funktioniert, aber viele verunsichert, weil er seine Tabelle auf Lichtwerte normiert hat, die für seinen Artikel interessant sind, aber für den normalen Fotografen durchaus verwirrend sind, oder nur Randnutzen haben.
      Für mich ist wichtig zu wissen, welchen EV ich bekomme wenn ich einen Film mit 1600asa belichte, damit ich das am Objektiv einstellen kann, für ihn ist es wichtig zu zeigen, das der Lichtwert exorbitant niedrig wird wenn man 1600asa benutzt, was bedeutet, dass man im dunkeln mit 1600asa fotografieren kann, was eigentlich jeder weiss und für meine fotografischen Zwecke irrelevant ist. Die Krönung, und deshalb habe ich mich weiter oben explizit noch mal geäussert ist, dass er Lichtwerte angibt, sie aber als EV benennt und da kommen die meisten Leute durcheinander. Das sein System "falsch" ist war wohl ein wenig harsch, besser unnötig kompliziert ist wohl die bessere Beschreibung. Man kann sein System nutzen, nur muss man halt umständlich "zurückrechnen", wenn man sein System praktisch gebrauchen will. Ist halt ne andere Herangehensweise.

      Für mich bedeutet eine Belichtungshilfe: man misst/schätzt, liest ab findet seinen Wert und stellt diesen EV-Wert auf dem Objektiv ein. Ich habe für mich sein System so modifiziert, das ich nur mit der linken Hälfte der Tabelle auskomme, Filterfaktoren einfach berücksichtigen kann und so schnell zu meinen gewünschten Ergebnissen komme. Und selbst das braucht man nach 'ner Zeit nicht mehr, weil man alles im Kopf ermitteln kann und das ist ja letztendlich das Ziel: Belichtung schätzen und einstellen. Für mich ist ein Helligkeitssituation eine Zahl, mit der ich eine Belichtungszahl ermittle, für andere ist es dann eben Blende, Zeit und ISO, letztendlich kommen alle zum Ziel, die einen schneller, die anderen langsamer.

      Klar, man kann viele Netzadressen hier heranziehen, ich wollte eigentlich nur sagen, dass man ein wenig aufpassen muss, was im Netz proklamiert wird. Wer eine einfache Erklärung sucht kann ja auch mal beim Fotocowboy Ken Rockwell nachschauen, der ist zwar nicht immer ernst zu nehmen, aber da hat er ausnahmsweise mal recht. :mrgreen:

      Gruss,
      Stephan.